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Nationalfeiertag 2012 - Ansprache von Bundesrat Didier Burkhalter

Bern, 01.08.2012 - Nationalfeiertag 1. August: «Lasst Freiheit herrschen» - House of Switzerland United Kingdom 2012 - Es gilt das gesprochene Wort

Meine Damen und Herren
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger
Liebe Freundinnen und Freunde der Schweiz
Liebe Gäste

Es ist eine grosse Freude, den Schweizer Nationalfeiertag hier in Grossbritannien zu feiern, einem wichtigen Nachbarn unseres Landes. Ja, Sie haben richtig gehört: Die Schweiz und Grossbritannien sind gewissermassen Nachbarn. Nicht im geografischen Sinn, sondern wegen ihrer besonderen Beziehungen. Aus diesem Grund betrachte ich das Vereinigte Königreich als Schicksalsgefährten, und ich empfinde es als Ehre, hier als Nachbar zu Ihnen sprechen zu können.

Ein besonderer Grund für meine Freude ist auch die Tatsache, dass meine Frau und ich uns vor 29 Jahren hier in England an der wunderschönen Südküste des Landes kennengelernt haben. Es war das schönste Treffen meines Lebens, und ich bin Ihrem Land dankbar dafür, dass es dieses Treffen möglich machte.

Glücklich bin ich auch darüber, dass ich heute Gelegenheit habe, den Schweizer Nationalfeiertag mit Ihnen allen zu feiern – mit den in Grossbritannien lebenden Schweizer Bürgerinnen und Bürgern, den Schweizer Besucherinnen und Besuchern, den Schweizer Athletinnen und Athleten, unseren britischen Nachbarinnen und Nachbarn und schliesslich allen Freundinnen und Freunden der Schweiz, die heute Abend zu uns in dieses grossartige House of Switzerland gekommen sind.

Jedes Mal, wenn Schweizer Bürgerinnen und Bürger sich ausserhalb des Landes niederlassen (wie die derzeit 700 000 im Ausland lebenden Schweizerinnen und Schweizer) oder wenn sie ins Ausland reisen (das tun sie als reiselustige Menschen 16 Millionen Mal im Jahr), dann sind sie Botschafter unseres Landes. Manche von ihnen sind sichtbarer als andere, so etwa Roger Federer, der kürzlich in Wimbledon seinen siebten Titel im Herren-Einzel errang.

Doch Sie alle, die Sie als Schweizer Bürgerinnen und Bürger im Ausland leben, vertreten auf Ihre ganz persönliche Art die Schweiz und ihre Werte. Damit prägen Sie das Bild der Schweiz im Ausland. Sie sind die Schweiz. Im Namen des Bundesrates möchte ich Ihnen dafür danken.

Meine Damen und Herren

«La diversitad culturala e linguistica è inseparabla dal spiert svizzer.»

Dieser Satz auf Rätoromanisch, einer unserer vier Landessprachen, die von 60 000 Schweizerinnen und Schweizern gesprochen wird, bedeutet, dass die kulturelle und sprachliche Vielfalt untrennbar mit dem Geist der Schweiz verbunden ist. Über die Jahre hatte ich die Gelegenheit, diesen Geist zu spüren – zum Beispiel bei Veranstaltungen zum Nationalfeiertag in verschiedenen Landesregionen. Und ich hörte den Schweizerpsalm in allen vier Landessprachen. «En l'aurora la damaun ta salida il carstgaun» sind die ersten Worte der Schweizer Hymne auf Rätoromanisch.Die Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer stimmen die Hymne mit den Worten «Trittst im Morgenrot daher,…» an.Aber auch die «Italianitá» gehört zur Schweiz: Quando bionda aurora il mattin c'indora. Und schliesslich auf Französisch: Sur nos monts, quand le soleil annonce un brillant réveil.

Hier wird es nun das erste Mal sein, dass ich die Hymne auf Englisch höre! Es war mein Wunsch, meinen ersten Nationalfeiertag als Aussenminister mit einer Schweizerkolonie im Ausland zu verbringen. Die Olympischen Spiele in London mit dem House of Switzerland boten eine perfekte Gelegenheit dazu. Ich möchte alle Menschen, die uns hier in London so herzlich und freundlich empfangen haben, ebenfalls ganz herzlich begrüssen. 

Meine Damen und Herren 

Grundlage der Schweizer Aussenpolitik sind die Prinzipien Neutralität, Solidarität und Verantwortung. Die Globalisierung wird von Tag zu Tag augenfälliger. Was an einem Ort geschieht, hat anderswo Auswirkungen. Ein Tsunami in Japan, eine Schuldenkrise in Griechenland, Instabilität in Somalia, Revolutionen in der arabischen Welt – all dies und noch vieles mehr wirkt sich unmittelbar auf unsere Gesellschaften aus. Die Länder, die am meisten von der Globalisierung profitieren, darunter die Schweiz und das Vereinigte Königreich, haben gegenüber den Ländern, die in Schwierigkeiten sind, die Pflicht, Verantwortung zu übernehmen und Solidarität zu üben. Und zwar nicht nur im Interesse der Welt und der Menschheit, sondern auch im eigenen Interesse. 

Verantwortung und Solidarität

Die Menschen in der Schweiz identifizieren sich mit diesen Werten, und ich bin überzeugt, dass sich auch die Menschen in Grossbritannien diesen Werten verpflichtet fühlen. 

Auch Freiheit, Demokratie, Offenheit und Souveränität gehören zu unseren gemeinsamen Werten. 

Nelson Mandela hat einmal gesagt: «Lasst Freiheit herrschen. Das Licht dieser glorreichen Erfindung des Menschen wird niemals verlöschen.» Freiheit ist das Fundament unserer demokratischen Gesellschaften. Und die Aufstände in der arabischen Welt liefern den erneuten Beweis dafür, dass Frieden und Stabilität nur dann zu verwirklichen sind, wenn die Grundrechte geachtet werden. Eine Gesellschaft macht nur dann Fortschritte und entwickelt sich weiter, wenn ihre Bürgerinnen und Bürger frei sind, wenn Gedankenfreiheit und das Recht auf freie Meinungsäusserung, wenn die Freiheit des Handels, der Wissenschaften und der Technik garantiert sind. Deshalb lasst in der Welt Freiheit herrschen.

Meine Damen und Herren

Die Olympischen Spiele und der Schweizer Nationalfeiertag sollten uns nicht vergessen lassen, dass in Syrien jeden Tag Unschuldige getötet werden, die für die Freiheit kämpfen. Erst vor wenigen Tagen war ich in Libanon, um dem Land die Unterstützung der Schweiz zuzusichern, was die Stabilität in Libanon und der Region anbelangt. Ich konnte mir dort ein besseres Bild über die Lage der Flüchtlinge machen. Die Schweiz ist zutiefst besorgt über die jüngste Eskalation der Gewalt in Syrien. Jeden Tag werden Gräueltaten von verschiedenen Seiten begangen. Viele Unschuldige leiden, werden vertrieben oder getötet, darunter auch Kinder. Als Depositarstaat der Genfer Abkommen ruft sie alle Konfliktparteien auf, die Bestimmungen des humanitären Völkerrechts vollumfänglich einzuhalten. Das bedeutet, dass Gefangene gut zu behandeln sind und alles getan werden muss, um die Zivilbevölkerung zu schonen und zu schützen. Die Beschiessung und die Bombardierung dicht besiedelter Gebiete kann ein Kriegsverbrechen oder ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen. Die Schweiz weist mit Nachdruck darauf hin, dass alle Anschuldigungen von Gewalt gegen Zivilpersonen, unabhängig davon von wem sie verübt wurde, untersucht werden und die mutmasslichen Täter an den Internationalen Strafgerichtshof überstellt werden müssen. Wir führen zurzeit Konsultationen durch, um möglichst viele Länder dazu zu bewegen, einen Brief an den UNO-Sicherheitsrat zu unterzeichnen.

Meine Damen und Herren

Offensichtlich ist die Schwester der Freiheit die Demokratie, ein weiterer Wert, den wir in der Schweiz und im Vereinigten Königreich teilen und fördern. Die Gesellschaft wird sich nur dann entfalten und einen starken sozialen Zusammenhalt entwickeln können, wenn jede und jeder Einzelne an der Gestaltung der Politik mitwirken kann – auch in einer traditionsreichen Monarchie. Demokratie ist also der Kern unseres Wertesystems. 

Wir sind sozusagen eine Schicksalsgemeinschaft: Sowohl das Vereinigte Königreich als auch die Schweiz haben Erfolg in der globalisierten Welt, beide Länder stehen vor grossen Herausforderungen, denen sie nur dann gewachsen sind, wenn sie Offenheit und Souveränität fördern. Es ist ganz einfach eine Tatsache, dass Offenheit Trumpf ist.

Die Evaluation der Personenfreizügigkeit in der Schweiz lässt erkennen, dass dieses Abkommen mit der EU seit 2002 weitaus mehr wirtschaftliche Vorteile als Schwierigkeiten zur Folge hatte. Und es trug in der Tat bis zu einem gewissen Grad zur Erholung unseres Wirtschaftswachstums bei, dessen Nachlassen in den 1990er-Jahren das grösste Problem der Schweiz gewesen war. Offenheit ist einer der Schlüssel zum Wohlstand und einer der Motoren des Wirtschaftswachstums.

Nun bedeutet Offenheit für die Welt und für Innovation keineswegs, dass wir uns von unserer Vergangenheit distanzieren würden. Ganz im Gegenteil! Man kann offen und innovativ sein und zugleich Traditionen und Geschichte respektieren. Dafür ist der Ort, an dem wir uns befinden, ein ausgezeichnetes Beispiel: Nur wenige Gehminuten entfernt von hier befinden sich eines der ältesten und eines der neusten, wenn nicht das neuste Gebäude Londons, die Southwark Cathedral und der London Bridge Tower oder «The Shard». Beide Bauwerke – das alte und das neue – prägen London. Wenn ich den Shard sehe, fällt mir noch eine Gemeinsamkeit zwischen der Schweiz und Grossbritannien auf: Beide Länder sind ja eigentlich Gipfelstürmer. Der Shard ist das höchste europäische Gebäude und damit der Gipfel von Europa. Doch es gibt noch einen anderen Gipfel Europas, und der liegt in der Schweiz: Ich meine den höchstgelegenen Bahnhof Europas auf dem Jungfraujoch. So ist es womöglich kein Zufall, dass wir heute hier am Fuss des Gipfels von Europa den 100. Geburtstag der Jungfraubahn feiern.

Die Traditionen unserer beiden Länder motivieren uns zum Gipfelstürmen und zur Offenheit. Das trifft für viele Bereiche zu, vor allem aber für unsere Innovationsfähigkeit. In einer jeden Gesellschaft ist Innovation der Schlüssel zum Erfolg, und es ist sowohl für Grossbritannien als auch für die Schweiz von entscheidender Bedeutung, dass sie Standort einiger der besten europäischen Universitäten sind und dass diese eng zusammenarbeiten. Ich denke hier zum Beispiel an die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich und das University College London, die gemeinsam an grossen europäischen Projekten arbeiten. Der Erfolg dieser Bildungsstätten hängt weitgehend davon ab, ob es ihnen gelingt, die besten Köpfe anzuziehen. In Genf bewiesen die Forscherinnen und Forscher des CERN, des grössten Teilchen-Labors der Welt, wie wichtig ein offener Geist ist: Vor wenigen Wochen gelang es dort Forschungsteams aus aller Welt, das Higgs-Teilchen zu messen und so einem der grössten Rätsel der modernen Wissenschaft auf den Grund zu kommen. Dies stellt für die Physik womöglich den wichtigsten Schritt der nächsten Jahrzehnte dar.

Meine Damen und Herren

Offenheit heisst nicht, auf Souveränität zu verzichten. Ganz im Gegenteil. Beide Länder wissen das. Souveränität ist gleichbedeutend mit der Fähigkeit eines Landes, seine Zukunft selbst zu bestimmen.

Eine offene Schweiz kann und muss souverän sein. In diesem Sinne muss sich die Schweiz gegenüber ihrer wichtigsten Partnerin, der Europäischen Union, positionieren. Hierbei geht es in erster Linie darum, unsere Beziehungen unter Wahrung unserer Souveränität, unserer Freiheit und unserer wirtschaftlichen Interessen anzupassen und zu vertiefen. Die Schweiz hat nunmehr detaillierte Vorschläge zur Zusammenarbeit unterbreitet, welche die Souveränität, die Institutionen und die Interessen beider Seiten respektieren.

Auch Grossbritannien hat eine Reihe von Fragen zu seiner Rolle in der EU zu klären. Dies ist eine weitere Gemeinsamkeit unserer beiden Länder, auch wenn das eine EU-Mitglied ist, das andere jedoch nicht. Beide wollen eng mit Europa zusammenarbeiten und betrachten Europa als gemeinsames Projekt. Beide sind indessen überzeugt, dass hierbei die besonderen Merkmale und die Souveränität jeder Nation erhalten bleiben sollten.

Ja, Offenheit und Souveränität sind entscheidende Voraussetzungen des Erfolgs.

Meine Damen und Herren

Ich habe hier über Innovation gesprochen. In der Innovation liegt eine unglaubliche Inspirationsquelle. Als junger Mann begleitete ich meinen Vater zu Olympischen Spielen, bei denen er in einem für die Zeitnahme bei Wettbewerben verantwortlichen Team mitarbeitete. Seit damals haben sich die Spiele enorm verändert. Sie mussten sich mit der Gesellschaft verändern, um attraktiv zu bleiben.

Die Ausrichtung der Olympischen Spiele bietet einem Land Gelegenheit zur Innovation. London hat diese Gelegenheit genutzt: Die Spiele trugen dazu bei, in London ganze Quartiere zu sanieren, die öffentlichen Verkehrsmittel zu modernisieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Diese Entwicklungen sind inspirierend. Und gerade die junge Generation braucht Inspiration, und sie braucht Arbeitsplätze.

Die Olympischen Spiele sind auch für die Athleten und Besucher inspirierend, sie bieten ihnen die Möglichkeit, das Land und seine Kultur zu entdecken. So tragen sie zur Verständigung der Völker und Kulturen und damit zu einer friedlicheren Welt bei.

Der Schweizer Bundesrat hofft, dass auch die Schweiz versuchen wird, diese Chance zur Innovation zu nutzen. Sie könnte sich um die Ausrichtung von Winterspielen bewerben und in diesem Rahmen neue umweltfreundliche Technologien in vielen Bereichen entwickeln.

Ich bin sicher, dass eine potenzielle – und in den Augen des Bundesrates wünschenswerte – Kandidatur der Schweiz sich in mancherlei Hinsicht von den Londoner Spiele inspirieren lassen würde.
«Inspire a generation» ist das Motto der Londoner Spiele. Ich bin sicher, dass diese Spiele erfolgreich sein werden, sie sind es ja bereits – und ich bin überzeugt, dass diese Spiele viele Generationen inspirieren werden.

Meine Damen und Herren

Ja, am 1. August singen wir den Schweizerpsalm in allen vier Landessprachen. In der englischen Version beginnt die Hymne mit den Worten: «When the morning skies grow red.» Heute und während der gesamten Dauer der Spiele wird dieser ganze Block am südlichen Ende der London Bridge rot sein. In dieser Red Zone stellt die Schweiz ihre Werte, ihre Traditionen und ihre Innovationsfähigkeit vor. Im Londoner House of Switzerland herrscht Offenheit: Seine Tore stehen allen offen. Das Haus soll nicht nur Ihr Interesse wecken, sondern auch für die Schweiz stehen, Gespräche und Kontakte fördern und natürlich eine einladende und gemütliche Atmosphäre ausstrahlen. Allen Partnern und allen, die hier arbeiten, möchte ich meinen Dank dafür aussprechen, dass sie dies möglich gemacht haben.

Ich hoffe, dass Ihnen die kleine Schweiz hier in der Roten Zone gefallen wird.Ich hoffe, dass Sie die Freundschaft zwischen der Schweiz und Grossbritannien schätzen werden. Und natürlich hoffe ich, dass Sie uns bald in der Schweiz besuchen werden. Wir werden Sie mit der Herzlichkeit empfangen, mit der Sie uns hier empfangen haben.Ich hoffe sehr, dass die Schweiz und das House of Switzerland Sie inspirieren werden. Und schliesslich möchte ich Sie einladen, mit uns den Schweizerpsalm zu singen.Im Sinne der Offenheit können Sie sogar auswählen, ob Sie in einer der vier Schweizer Landessprachen oder auf Englisch singen wollen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Viva la Svizzera! Es lebe die Schweiz! Vive la Suisse! Vive l’amitié helvético-britannique! Und nun wünsche ich Ihnen allen einen wunderbaren Abend!

Quelle: admin.ch

   
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