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Das Spukhaus in Stans

Am 15. August 1862 beginnt im Haus von alt Nationalrat Melchior Joller in Stans zaghaft, was sich innert Tagen zu einer unfassbaren und bedrohlichen Serie von Erscheinungen ausweitet.

Mehr als zwei Monate lang weiss kein Familienmitglied, wann, wo und in welcher Gestalt das Grauen in der Liegenschaft Spichermatt in Stans wieder auftauchen und wen es bedrohen wird. Es klöpfelt und poltert, einmal werden Türen und Fenster aufgerissen und wieder zugeschlagen. Ein anderes Mal stürzen Möbel um oder fliegen durchs Zimmer. Schemenhafte Gestalten erscheinen den Bewohnern, Armknochen schweben im Raum, und unsichtbare kalte Hände fassen sie an.

In einer schmalen Schrift, die im Frühherbst 1863 erscheint, schildert der Jurist Joller die Erlebnisse und Erscheinungen im Stil eines Chronologen. Joller ist im Kanton kein Unbekannter, im Gegenteil. Er eroberte 1857 an der Landsgemeinde als Vertreter der Liberalen den Nationalratssitz des Kantons Nidwalden, lehnt aber nach drei Jahren eine erneute Kandidatur ab. In der Spichermatt, umgeben von schroffen Bergflanken und direkt an der Landstrasse vom See bei Stansstad nach Stans gelegen, wurde Koller geboren, und dahin zurück zog er nach seinem Studium. Bauherrin des 1798 nach dem «Franzosensturm» erbauten, hablichen, mehrstöckigen Hauses war Jollers Grossmutter Veronika Gut, eine der ersten politisch aktiven Frauen in Nidwalden.

Das 200-jährige Spukhaus steht heute nicht mehr. Die Spichermatt wurde im Februar 2010 abgerissen, nachdem der Kanton das kulturhistorisch bedeutsame Haus in Plänen und Fotografien dokumentiert hatte. An der gleichen Stelle soll ein Einkaufszentrum entstehen. Ungebrochen scheint die Faszination des Bauernhauses und seiner Geschichte. Unter Geisterjägern und Parapsychologen ist es bestens bekannt. In den letzten Jahren wurde das Buch von Joller neu aufgelegt und ein Film über das Haus gedreht.

Die wichtigste Publikation hat im November Lukas Vogel veröffentlicht. Der frühere Leiter des Amts für Kultur in Nidwalden rollt nicht nur die Geschichte neu auf, indem er bisher unbekannte Dokumente beizieht, die er etwa in Rom, Freiburg i. Br. und Luzern gefunden hat. Er schildert in seiner umfassenden, sorgfältig erarbeiteten und gut lesbaren Publikation auch die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse der damaligen Zeit. Das Bild des erfolgreichen Nationalrats, das noch lange in Nidwalden herumgeisterte, wird korrigiert: Joller, der eine radikalliberale Position einnahm und in Bern ein Hinterbänkler war, wurde von den staatstragenden Liberalen links liegengelassen und war schon bald auf der Abschussliste.

Ergebnislose Untersuchung

Nur sechs Tage nach dem Auftauchen der ersten Erscheinungen informiert Joller die Behörden. Eine Untersuchungskommission, vom Regierungsrat eingesetzt, nimmt ihre Arbeit auf. Die Familie verlässt das Haus, das ein paar Tage überwacht wird, doch hören die Erscheinungen mit dem Weggang auf. Damit wird die Befürchtung des 44-jährigen Joller, die Untersuchung führe ins Leere, zur Realität. Anhand der neu entdeckten Dokumente kann Autor Vogel nachweisen, dass die Kommission nur nach Betrügereien durch Familienmitglieder fahndete und die Untersuchung einstellte, als sich diese Verdächtigungen nicht erhärten liessen.

Die Familie Joller kann ins Haus zurückkehren. Doch am dritten Tag nach der Rückkehr werden die Bewohner durch einen gewaltigen Schlag auf den Fussboden erschreckt. Die älteste Tochter erblickt am gleichen Tag eine weibliche Gestalt. Nun wiederholen sich die Spukgeschichten, sei es, dass Kleider in den Schränken durcheinandergewirbelt werden, sei es, dass sich Stühle von selbst verschieben oder Gemälde umgedreht werden. Noch 70 Jahre später wird im Dorf die Geschichte vom Pferdegeschirr erzählt, das eingeklemmt im Ofenrohr gefunden wurde.

Nun beginnt, was nicht mehr zu stoppen ist, nicht weitere Spukerscheinungen, sondern der Klatsch und das Gerede im kleinen Kanton und darüber hinaus. Die Angelegenheit ist Tagesgespräch, wird zum Gegenstand des Gespötts, das von verschiedenen Zeitungen verbreitet wird. Dazu kommen Verdächtigungen, Joller habe die Spukgeschichten erfunden, um das Haus abzuwerten und so bei einer Veräusserung in der Verwandtschaft halten zu können. Die «Neue Zürcher Zeitung» fragt sich, wie eine solche Geschichte zu einem der Aufklärung verpflichteten Liberalen passe, der doch sonst ein Mann von Bildung sei.

Auch die Erscheinungen gehen weiter. Geldgeklimper ist einmal zu hören. Ein anderes Mal stösst eines der Mädchen einen Schrei aus, weil es von eiskalten Fingerspitzen berührt wird. Ein Steinregen geht draussen nieder. Gut zwei Monate nach Beginn des Spuks, am 23. Oktober 1862, zieht die Familie deshalb fluchtartig und für immer aus der Spichermatt in Stans aus und bezieht in Zürich in einem Mietshaus in Aussersihl eine kleine Wohnung. Von da an verschwinden die Erscheinungen. Kein Besitzer und keine spätere Bewohnerin werden je wieder etwas Ähnliches in der Liegenschaft hören oder erleben.

Tod in Rom

In Zürich geht Joller keiner Erwerbsarbeit nach, zumindest ist davon in den Quellen nichts erhalten. Gelebt haben dürften er und seine Familie von den Erträgnissen aus Haus und Hof in Stans, den Zinsen der Mieter und Pachterträgen aus Wald und Land. Mehrmals hatte Joller wegen Betrugsvorwürfen vor Gericht zu erscheinen. Er, der sich politisch zum konservativ-romtreuen Anhänger wandelte, flüchtete ein zweites Mal, diesmal nach Rom, wo er 1865, einen grossen Schuldenberg hinterlassend, starb. Seine drei älteren Söhne starben früh als Söldner in Holländisch-Ostindien, seine Frau verarmte in Rom.

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 28.11.2011 / Lukas Vogel: Schreckliche Gesellschaft. Das Spukhaus zu Stans und das Leben von Melchior Joller. Baden 2011.

 

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