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Graubünden
 
Die Filisurer im Graubündnerland konnten es nicht begreifen, dass der Herrgott gerade ihnen einen so hohen Berg vor die Sonne gestellt hatte. Sie mochten im Winter heizen, wie sie wollten, sie froren immer auf jener Seite, die nicht gerade am Ofen klebte. 
 
Und im Sommer mussten sie mit schwerem Herzen zuschauen, wie ihre Nachbargemeinden das Heu so schön dürr einbrachten, während das ihrige im Herbst noch auf die Sonne wartete. Zudem plagte es sie gar sehr, dass sie am hellen Tag immer im Schatten sitzen und Trübsal blasen sollten.
 
Da fiel es einem besonders schlauen Gemeindebürger ein, sie könnten das Licht der Sonne auf künstliche Weise ins Dorf bringen. Lange studierten sie den Vorschlag und sassen sich in den langen Sitzungen fast die Beine vom Rumpf weg. Dann aber gingen sie an die Ausführung des grossartigen Projekts.
 
Sie bestiegen mit Ach und Krach den schattenspendenden Berg und brachten auf dessen Gipfel einen gewaltigen Trichter an. In diesem wurde nun der Sonnenschein aufgefangen, und dann leiteten sie ihn durch einen ewiglangen Holzdünchel ins Dorf Filisur hinunter, ganz so wie andere Leute das Wasser. 
 
Dadurch wurde es ihnen ermöglicht, am Brunnen Sonnenschein, den Quadratfuss zu sechs Gulden achtundvierzig Kreuzer alter Bündner Währung, an die Kauflustigen abzugeben. Ob er jetzt billiger geworden ist, müsste man dort erst nachfragen. -
 
Im gleichen lieben Bündnerlande, im grünen St.-Antönier-Tale im Prättigau, wollte einmal der Barthli Flütsch am frühen Morgen auf die Bergwiese, um das Heu zu mähen. Bevor er sich aufs Laublager streckte, befahl er noch seiner Frau, sie möchte ihn dann am Morgen um vier Uhr ja aufwecken und bis dahin auch das Morgenessen bereithalten. Die Frau versprach es.
 
Als sie jedoch die Uhr aufziehen wollte, um ja den angesetzten Zeitpunkt nicht zu verfehlen, merkte sie mit Verdruss, dass sie nicht mehr gehen wollte. Nun war die gute Frau gar übel in der Klemme. Der Mann schimpfte und wollte die widerspenstige alte Uhr gleich zusammenschlagen. Aber da lächelte die Frau gar schlau und sagte: "Geh, lege dich nur schlafen, ich wecke dich sicher und heilig."
 
"Ja, wie willst du mich denn genau um vier Uhr wecken", brummte er ungläubig, "da doch die Uhr nicht geht?"
 
"Lass mich nur machen", antwortete sie und schob ihn ohne weiteres in die Schlafkammer, wo er sogleich einschlief und schnarchte wie eine alte Schlegelsäge.
 
Uschi aber, seine Frau, machte erst Docht und Unschlitt bereit, um Licht zu haben; dann setzte sie sich auf die Ofenbank neben das bis auf den Boden gehende Wanduhrgehäuse und trieb den Perpendikel die ganze Nacht hindurch hin und her.
 
Schlag vier Uhr wurde Barthli Flütsch geweckt, aber obschon er sich freute, dass ihn seine Frau so pünktlich aufgeweckt hatte, ärgerte er sich nun doch, dass das Morgenessen nicht bereitstand. 
 
Er fuhr deswegen seine Frau barsch an: "Jetzt hast du mir ja das Morgenessen doch nicht bereitet!"
 
"Ei", antwortete die Frau, "wer hätte denn derweil den Perpendikel getrieben?"

Quelle: Meinrad Lienert, Schweizer Sagen und Heldengeschichten, Stuttgart 1915. Für SAGEN.at korrekturgelesen von Bettina Stelzhammer, Jänner 2005 / Überarbeitet von schweizinfo.ch, Juli 2016 / Bild: Wappen, Graubünden

 

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