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Südtor von Vindonissa

Auf den Trümmern der grossen Römerstadt Vindonissa [Windisch] im Aargau, nahe beim heutigen Prophetenstädtchen Brugg, hauste einst ein heiliger Klausner namens Teutbert.

Er war aus dem fernen Schottland übers Meer gekommen und hatte überall fleissig das Christentum predigen und das heidnische Wesen abstellen helfen.

Als er nun alt geworden war, hatte er sich an die friedlichen Gelände der Aare zurückgezogen und auf den Trümmern der alten Heidenstadt ein schlichtes Kapellchen und eine kleine Hütte erbauen lassen. Darin führte er seit langem ein heiliges Leben und gedachte in süssem Gottesfrieden seine Tage zu beendigen.

Eines Tages sass er in seiner Klause. Die Abendsonne erleuchtete seine Hütte also schön, dass die kahlen Wände, das harte Lager und der ungehobelte Tisch gar herrlich vergoldet wurden. Es war dem Heiligen, als sitze er schon in der Wartstube des Himmels und als müsse alle Augenblicke die Türe zum Paradiese aufgehen.

Da begann er sein langes Leben zu überschauen. Und als er sah, wie es voll war von Mühsal und Kampf, von Geduld und Entsagung zur Ehre Gottes, wurde ihm wohl wie einer Blume im Sommermorgentau. Er war zufrieden mit sich, denn nun hatte er alle Sünden abgetan, und nichts sollte ihn mehr bewegen können, Gott zu missfallen, und wenn man ihm dafür die Grenzberge des ganzen Aargaues in Gold verwandelte. Und er freute sich in seinem Herzen, dass er die Welt so völlig überwunden und den Sieg über sich für immer davongetragen hatte.

Nun durfte er ruhig, ja freudvoll sterben, denn die kleinen pausbackigen Engelein würden ja wohl die Geigen frisch stimmen, wenn er durchs offene Himmelstor eintreten wird. Ei, das wird ein Halleluja werden!

Wie er diesen lieblichen Gedanken noch so ausspann, klopfte es an die Türe der Klause, und jetzt ging sie auf, und ein schönes, rotwangiges Mägdlein trat über die Schwelle. Es schien ein Bauernmägdlein der Umgegend zu sein der Tracht nach, doch war es viel feiner, und er hatte es doch vordem noch nie gesehen. In der Hand hatte es ein irdenes Krüglein.

"Gott zum Gruss, heiliger Vater", grüsste das Mägdlein.

"Sei mir gottwillkommen!" antwortete der Einsiedler. "Was suchst du, Kind, in meiner armen Hütte?"

"Ich möchte bei Euch beichten, heiliger Vater", sagte das Mägdlein und senkte in holder Verschämtheit sein blondlockig Köpfchen, also dass es schöner war als ein frohlockender Sonnenstrahl in einem Weihbrunn.

Der heilige Teutbert hob seine Augen und sein Herz zu Gott und hörte an Gottes Statt die Beichte des lieblichen Mägdleins. Sie dauerte nicht lange, denn das Mägdlein wusste nichts Sündigeres zu bekennen, als dass es hie und da die Lust ankomme, die Leute ein bisschen zu necken. Als es der Heilige gesegnet hatte, sagte er freundlich lächelnd: "So geh nun, mein gutes Kind, und lass künftig deine Schelmerei."

Nun erhob sich das Mägdlein, das bisan vor dem Einsiedler auf den Knien gelegen hatte, und sagte zum Klausner: "Heiliger Vater, ich hätte Euch wohl gerne eine Gabe mitgebracht, wie es so Brauch ist, da Ihr arm seid und alt, aber ich habe nichts als dies irdene Krüglein, das will ich Euch gerne geben. Vielleicht, dass Ihr's doch gut brauchen könnt, weil Ihr Euch gewiss schwer tut, wenn Ihr wie bisher das Wasser mit der Hand aus dem Bache schöpfen müsst, der zudem weit weg ist."

Der Heilige lächelte und sagte gerührt: "Ich danke dir, mein Kind, aber das Krüglein kann ich nicht nehmen, denn zum ersten diene ich den Mitmenschen nicht um Lohn, und zum andern habe ich nun das Wasser dreissig Jahre lang mit der Hand aus dem Bach geschöpft; sie sei mein Becher, bis ich sterben darf."

Damit tat er dem Mägdlein die Türe auf, und es machte sich still aus der Einsiedelei. Aber als es draussen vor der Hütte stand, stellte es das Krüglein hart an die Türe und verschwand dann im Gestäude.

Der heilige Teutbert aber sass noch ein Weilchen in der Hütte, die ein seltener Wohlgeruch erfüllte, also dass es ihm eine Zeitlang war, als sitze er wie ein honigsuchendes Bienlein in einem weissen Lilienkelch.

Dann aber erhob er sich, um noch ein bisschen vor die Hütte zu gehen und die Abendkühle zu geniessen.

Wie er aber die Türe öffnete, schlug sie auf, und als er über die Schwelle trat, sah er das hübsche Henkelkrüglein vor der Hütte liegen. Er musste lächeln und freute sich des braven Mägdleins, das ihm durchaus sein Krüglein schenken wollte. Und als er's so besah, fiel es ihm ein, dass er ein alter, bresthafter Mensch sei und dass es ihm nichts schaden könnte, wenn er die fromme Gabe annehme und das Wasser künftig mit dem Krüglein statt mit der blossen Hand zu seiner Labung schöpfe. Er sagte also der anmutigen und doch so demütigen Geberin in seinem Herzen Dank und machte sich gemächlichen Schrittes zum Bach. Dort füllte er das Gefäss und kehrte dann heiteren Sinnes, völlig zufrieden mit Gott und der Welt und sich, in seine Klause zurück.

Wie er in der Hütte ankam, stellte er das Krüglein aufs Fenstergesims. Aber kaum hatte er's abgestellt, fiel es um, und das kühle Wasser, das er sich für die lange Hochsommernacht so bequem in der Nähe zu halten gedachte, floss in der Klause herum. Das bedünkte den alten Einsiedler lustig. Er lachte auf, nahm das Krüglein und eilte dann so geschwind, als es ihm seine zitterigen Beine zuliessen, wieder zum Bach zurück, aus dem er's von neuem füllte.

Als er damit nach der Einsiedelei zurückkam, stellte er's wieder aufs Fensterbrett, und als es wieder umzufallen drohte, nahm er's flink zur Hand, holte ein paar Steinchen vor der Türe, ging wieder hinein und sagte: "Wenn du hinkst, so sollst du mir nun doch gerade stehen." Damit legte er die paar Steinchen aufs Fenstergesimse und stellte das Krüglein auf der Seite darauf, wo er glaubte, dass es ein wenig schief sei. Aber kaum war er davon weg, so fiel das Krüglein wieder um, und das Wasser floss aus.

Jetzt wurde er aber ungeduldig. Brummend nahm er's wieder auf, und da er sah, dass ein schweres Gewitter am Himmel stand, wollte er's durchaus noch füllen, damit er nicht ins Gewitter hinauslaufen musste, wenn's ihn in der heissen Nacht dürstete. Er machte sich also schwerfälligen Ganges zum Bach, der ziemlich weit weg war, und als er mit dem Wasser endlich wieder zurückkam, brummte er keuchend: "So, wenn du nicht stehen magst, so sollst du hangen!" Und so hing er denn das Krüglein an einen Nagel an der Wand. Da blieb es auch ruhig hangen.

Bald legte er sich auf sein hartes Lager im dicht behaarten braunen Gewand und lauschte eine Weile dem Sausen und Brausen des Unwetters, das draussen eben losbrach. Mit Freude schlief er ein, denn wenn ihn auch in der Nacht dürsten sollte, brauchte er doch nicht aus der Hütte zu gehen, das volle Krüglein hing ja am Nagel an der Wand.

Aber kaum war er eingeschlafen, gab es in der Klause einen Platsch und ein Gegluchz, und um ihn herum war ein Geschwemme, als schliefe er in einem Brunnentrog. Wie er aber um sich tastete, bekam er das Krüglein in die Hand. Es war also doch vom Nagel gefallen. Jetzt wurde er ernstlich zornig. Am liebsten hätte er's zerschlagen, wenn er nicht gedacht hätte, der alte, rostige Nagel könnte schuld sein, dass das Krüglein bei dem Unwetter, das um die Hütte tobte, abfiel.

Obwohl er nun in der schwülen Gewitternacht so fürchterlich zu dürsten anfing, als hätte er ein Salzbergwerk im Leibe, wagte er sich nicht in das tobende Ungewitter hinaus.

Als aber der Morgen kam, beschaute er erst das Krüglein. Es war noch ganz so wie vorher. Dann blickte er nach dem Nagel, woran es gehangen hatte. Auch der Nagel stak noch fest in der Wand. Jetzt wurde ihm's seltsam. Er ward unwirsch und böse auf das hinterhältige, tückische Krüglein. "Ich will einmal sehen, ob ich dich nicht zwingen kann", sagte er.

In seinem grossen Verdrusse, den ihm das Krüglein machte, vergass er das Morgengebet, ja sogar die heilige Messe vergass er zu lesen, und ging, so geschwind es ihm sein schwacher Körper gestattete, in den Wald, um Lehm zu holen. Aus diesem knetete er dann einen festen Fuss in seiner Klause. Und als er danach das Krüglein am Bache frisch angefüllt hatte und damit nach seiner Hütte zurückkam, stellte er's auf den Lehmfuss und presste den weichen Lehm noch ringsum fest.

Jetzt stand es endlich aufrecht und redlich da, und getroster werdend wollte er sich eben auf seine geistlichen Pflichten zurückbesinnen, da hörte er ein Schütteln und Quirlen, und wie er sich umschaute, sah er das Krüglein schon wieder wackeln. Bevor er zuzuspringen vermochte, ging der Lehmfuss auseinander, und es fiel um, das kühle Wasser über seine Hände ergiessend. Jetzt wurde der Heilige wütend. Er packte das Krüglein und schmetterte es also an die Wand, dass es in hundert Scherben zerstob.

Da wurde auf einmal seine Zelle taghell erleuchtet, und eine sanfte Stimme rief von oben: "O Teutbert, Teutbert! Du hast gemeint, die Hoffart, den Zorn und alle Laster der Welt für immer und ewig von dir abgetan zu haben, du hast gemeint, du könntest nicht mehr fallen, und hast dich in deinem Herzen für vollkommen gehalten. Und nun hast du dich schon um eines Krügleins willen, das nicht stehen kann, versündigt. O Teutbert, o Mensch, o schwacher Mensch!"

Zerknirscht und reueschwer sank der heilige Teutbert in die Knie. Und als er nach langer Busse zu einem seligen Sterben kam, hatte er endlich das Böseste verlernt: die Hoffart, und das Beste erlernt: die Geduld.

Am Südtor von Vindonissa

Quelle: Meinrad Lienert, Schweizer Sagen und Heldengeschichten, Stuttgart 1915. Für SAGEN.at korrekturgelesen von Bettina Stelzhammer, Jänner 2005 / Überarbeitet von schweizinfo.ch, Juli 2014 / Bild: Kantonsarchäologie Aargau

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