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Luzerner Mordnacht

Bald nach der Schlacht von Morgarten, in der sich die drei Länder Uri, Schwyz und Unterwalden vom österreichischen Joche der bösen Landvögte für immer befreit hatten, trat auch die unten am Bergsee gelegene Stadt des heiligen Leodegar, Luzern, in ihren Bund, also dass man nun diese vier verbündeten Länder um den See bis auf den heutigen Tag die Waldstätte und nach ihnen den schönen, vielarmigen See den Vierwaldstättersee nennt.

Aber der Herzog von Österreich, dem die Stadt Luzern gehörte, war mit diesem Bündnis gar nicht einverstanden. Er suchte daher auf jede Weise die abtrünnige, freiheitssüchtige Stadt wieder unter seine Botmässigkeit zu bringen. Doch die Bürger der Stadt waren auf der Hut und liessen sich von den Landvögten und österreichischen Adeligen, die ausserhalb der Stadtmauern regierten, nicht überrumpeln.

Nun wohnte aber in der Stadt eine grosse Partei vornehmer Leute, die gern Österreicher geblieben wären, da es ihnen besser gefiel, neben dem österreichischen Pfau den Stolzgockel zu spielen, als mit den viehhütenden Bauern der drei Länder falsche Freundschaft zu halten. Sie verschworen sich daher, sogar mit Brief und Siegel, in einer Nacht alle gewichtigen Anhänger der Eidgenossen zu überfallen und in ihren Betten zu ermorden.

Dann wollten sie den draussen harrenden österreichischen Adeligen und ihren Reisigen die Tore öffnen und ihnen die Stadt wieder übergeben. Die Verräter hielten die Sache also geheim, dass ausser ihnen kein Mensch in der Stadt etwas von dem bösen Anschlage erfuhr. Als Erkennungszeichen unter sich trugen sie alle einen roten Ärmel. Es war zu Jakobitag im Jahre des Heils 1333 in einer finsteren, aber sternenreichen Nacht.

Über dem Pilatusberg, dessen schwache Umrisse dräuend in die vielgetürmte Stadt hineinschauten, stand noch der Halbmond und beschien das Spiel der Wellen, die ein lauer Ostwind, in dem der Duft der Bergweiden wehte, an das offene Seegelände der Stadt trieb.

Alles schien längst zur Ruhe gegangen. Überall herrschte tiefste Stille, nur um die Fischernachen am See quirlten die Wasser.

Da schritt langsam ein armer Knabe in zerschlissenem Wams und Höschen vom See her in die Stadt hinein. Aber niemand hörte ihn wandeln, da er barfuss ging, und nur sein schwacher Schatten zeigte sich hin und wieder am steilen Häusergemäuer. Er hatte am See ein wenig gefischt, vielleicht um seiner armen Mutter ein Nachtessen zu gewinnen. Dabei war er nach und nach von dem eintönigen Schlummerlied der spielenden Wellen eingeschläfert worden. In der Hand trug er einen Henkelkrug, in dem ein paar Fische schwammen, und in einem Arm hielt er die Angelrute.

Immer tiefer kam er in die totenstille Stadt hinein, die wie ausgestorben dalag. Und obwohl die engen Gässchen ihn anstarrten wie offene Särge, fürchtete er sich doch nicht und trachtete nur, nun eiliger ausgreifend, bald heimzukommen.

Aber als er sich den grossen Gängen unter den Schwibbogen bei des von Wyl Haus näherte, hielt er auf einmal verwundert an. Bei den Schwibbogen unter der Schneider Zunfthaus und Trinkstube war ein seltsames Klirren und Murren.

Einen Augenblick gedachte er schleunigst auszureissen, denn unter den Bogen hielten ja wohl die armen Seelen ihren nächtlichen Umgang. Doch er vertraute auf Gott, schlug ein Kreuz und schlich sich leisen Fusses auf die Schwibbogen zu.

Da erblickte er in den Gängen im schwachen Scheine des untergehenden Mondes eine grosse Schar Männer, die alle schwerbewaffnet waren, und erkannte in ihnen, besonders an ihren roten Ärmeln, die vornehmsten Geschlechter der Stadt. Und als er sich ganz nahe an sie heranmachte, merkte er aus ihren Reden, dass sie vorhatten, nach Mitternacht die eidgenössisch gesinnten Bürger der Stadt zu überfallen, erbarmungslos zu ermorden und den draussen harrenden Feinden die Stadttore zu öffnen.

Von Entsetzen gepackt wollte er sich davonschleichen. Doch einige der Verschworenen sahen seinen Schatten an den Häusern entlang huschen. Sie verfolgten ihn, und als sie ihn eingeholt hatten, brachten sie ihn unter die Schwibbogen zurück. Dort wollte man ihn erst erstechen. Aber als die Verschwörer das zitternde, halbnackte Büblein mit seinem Krug wie ein Häuflein Elend vor ihren Spiessen zusammenzucken sahen, erbarmten sie sich seiner. Doch musste er schwören, keinem Menschen zu sagen, was er unter den Schwibbogen vernommen hatte. Auch liessen sie ihn nicht von sich, sondern behielten ihn in ihren Reihen.

Aber als der Mond völlig untergegangen war und nur noch die Sterne über die Mauer der Stadt hereinblickten, wurden ihre Reden wieder eifriger. Sie rüsteten sich zum Überfall und vergassen den Knaben. So gelang es ihm, von ihnen unbemerkt, sich davonzuschleichen. Noch bleich vor Schrecken über all das Gehörte eilte er, statt heimzugehen, überall in der Stadt herum, zu sehen, ob nicht irgendwo auf einer Zunftstube, wo man allezeit in die tiefe Nacht hinein zu bechern pflegte, noch ein Licht brenne.

Voll Freude sah er auf der Metzger Zunftstube erleuchtete Scheiben. Er machte sich die steile Wendeltreppe hinauf in der Metzger geräumige Trinkstube. Dort schlich er sich hinter den grossen Kachelofen. Die Bürger aber, die ihren fröhlichen Becherlupf taten und würfelten, achteten seiner nicht.

Da fing er auf einmal gar laut zu reden an und rief: "O Ofen, Ofen!" Nun schauten sich wohl einige Männer flüchtig nach ihm um, dann aber spielten sie weiter. Nach einer Weile hob er noch lauter an und rief: "O Ofen, Ofen, wenn ich reden dürfte!" Jetzt wurden die Zünfter aufmerksam und fuhren ihn unwirsch und verwundert an: "Was treibst du da so spät hinterm Ofen für närrische Spasse? Was hat dir der Ofen getan? Bist du närrisch? Oder was fehlt dir?" Doch der Knabe antwortete nun, etwas eingeschüchtert: "O nichts." Aber nach einer Weile ward ihm schwer, denn nun musste bald die Stunde schlagen, wo das Morden losgehen würde.

Und obwohl er geschworen hatte, den ruchlosen Anschlag keinem Menschen zu verraten, so fasste er sich nun doch ein Herz und rief zum dritten Male: "O Ofen, Ofen, dir muss ich's klagen, denn ich darf's ja keinem Menschen sagen. Es sind viele Leute versammelt unter den grossen Schwibbogen bei der Egg. Sie wollen diese Nacht einen Mord in dieser Stadt vollbringen. O Ofen, Ofen, das ist die heilige Wahrheit!"

Jetzt merkten die zechenden Zünfter das Unheil. Sie fuhren erschrocken auf, und ohne den Knaben noch weiter etwas zu fragen, machten sie sich schnellstens aus der Trinkstube und rannten, sich zu waffnen, still nach Hause und danach zum Schultheissen und allen eidgenössisch Gesinnten der Stadt. Vor allem besetzten sie die Stadttore.

Bald waren sie in hellen Haufen beisammen, und als nun die Rolandshörner von Luzern fürchterlich alles aus den Betten heraushornten, wussten die Verschworenen unter den Schwibbogen, dass ihr Verrat ausgekommen sei. Also liefen sie eilig in ihre Herrenhäuser. Doch erwischte man noch einige von ihnen und erkannte nun, da sie alle rote Ärmel trugen, die ganze Verschwörerschaft, die alsbald eingezogen wurde. Die Verräter hätten wohl das Leben verloren, würde sich Gott nicht ihrer erbarmt haben, wie sie sich vorher des Bübleins erbarmten, das ihnen in die Hände lief und sie vor einer ungeheuerlichen Bluttat bewahrt hatte. Auf Fürbitte der zu Hilfe eilenden Eidgenossen der drei Länder schenkten sie den Verschwörern das Leben, und diese wurden nachmals getreue und biderbe Eidgenossen.

Von dem armen Büblein aber, das durch seinen guten Kopf und sein tapferes Herz die Stadt gerettet hat, ist nicht einmal der Name auf uns gekommen. So wollen wir ihn denn einmal zusammen lesen im Buche des ewigen Lebens.

weitere Informationen

Quelle: Meinrad Lienert, Schweizer Sagen und Heldengeschichten, Stuttgart 1915. Für SAGEN.at korrekturgelesen von Bettina Stelzhammer, Jänner 2005 / Überarbeitet von schweizinfo.ch, November 2014 / Bild: Holzstich um 1880: «Ein Knabe, der zufällig Zeuge der Verschwörung geworden war und hatte schwören müssen, sie keinem Menschen zu verraten, berichtet das Geheimnis dem Ofen auf der Metzgernzunft.» Luzerner Zeitung, 20. November 2012

 

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