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Bahnpost - Streik 1918

Die Schweizer Behörden waren auf den Krieg weder wirtschafts- noch sozialpolitisch zureichend vorbereitet. Auch als sich eine lange Kriegsdauer abzuzeichnen begann, blieben die getroffenen Massnahmen ungenügend.

Die ab 1917 schrittweise eingeführte Rationierung der Grundnahrungsmittel blieb zu wenig wirksam, ebenso die Notstandsaktionen von Kantonen und Gemeinden (Notküchen, Abgabe von verbilligten Lebensmitteln und Brennstoff). Die durch Güterknappheit und Devisenzuflüsse verursachte Inflation wurde nicht bekämpft. Auf Eingaben von Vertretern der Arbeiterschaft gingen die Behörden nicht oder nur zögernd ein. Stattdessen setzte man auf gemeinnützige Institutionen wie den Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenverein oder den Frauenverein Soldatenwohl (heute SV-Service), in denen sich bürgerliche Frauen - der Rollennorm entsprechend - u.a. mit Suppenküchen, Soldatenstuben und Wäschereien in den Dienst der Öffentlichkeit stellten.

Ausserdem zählte man auf Selbsthilfeaktionen der Arbeiterorganisationen oder die Unterstützung durch die Betriebe. Umgekehrt hob der Bundesrat aufgrund der ihm übertragenen Vollmachten 1914 sofort

zentrale Bestimmungen des Fabrikgesetzes zu Lasten der Arbeiterschaft auf, und die Versammlungsfreiheit wurde laufend eingeschränkt. 

Die Kosten hatte die lohnabhängige Bevölkerung, Arbeiter wie Angestellte, in den städtischen und halbstädtischen Industriezentren zu bezahlen. Bereits bei Kriegsausbruch zeigten sich die Folgen der fehlenden sozialpolitischen Massnahmen, als viele Unternehmer wegen stockender Rohstofflieferungen, der Rückkehr der ausländischen und der Mobilisierung der schweizerischen Arbeitskräfte die Produktion einstellten oder Lohnkürzungen vornahmen und sich die Lebensmittel verteuerten.

Zwar kamen verschiedene Industriezweige dank der Belieferung des Inlandmarktes wie der Krieg führenden Staaten bald wieder in Schwung, und die Nettolöhne stiegen in gewissen Branchen aufgrund von mangelnden Arbeitskräften oder Streiks. Wegen der Teuerung fielen aber die Reallöhne bis 1918 um 25-30%. Die Baisse im Baugewerbe führte in den Städten zudem zu steigenden Mieten und Wohnungsnot. Die Lebenshaltungskosten (Nahrungsmittel, Brennstoff, Miete) vergrösserten sich um 130%, in den Städten um 150%.

Die Geburtenrate sank von 22,4o/oo im Jahr 1914 auf 18,5o/oo im Jahr 1917, was einer Stagnation der Bevölkerungsentwicklung gleichkam. 1918 bezog ein Sechstel der Schweizer Bevölkerung Notstandsunterstützung, in den grossen Städten etwa ein Viertel. Die im Juli 1918 ausbrechende so genannte Spanische Grippe nahm in der Bevölkerung epidemische Ausmasse an. Von den mangelhaften staatlichen Eingriffen profitierten neben den Zwischenhändlern und Spekulanten die Kapitaleigner der Nahrungsmittel-, Metall-, Maschinen-, Uhren- und Textilindustrie sowie der Chemiebranche mit jährlich steigenden Reingewinnen und teils hohen Dividenden.

Zu den Gewinnern gehörten auch die Bauern, deren Einkommen und Reinerträge sich insgesamt deutlich erhöhten und denen es spätestens vom dritten Kriegsjahr an materiell gut ging. Ab 1916 trat die wachsende soziale Ungleichheit in den Vordergrund. Der so genannte Burgfriede, das bei Kriegsausbruch abgeschlossene Stillhalteabkommen zwischen den Arbeitgebern und den Arbeitnehmern, zerbrach. Die Betroffenen traten mit Protestkundgebungen an die Öffentlichkeit, 1917 und 1918 demonstrierten sozialdemokratische Frauen gegen Hunger und Teuerung, die Mitgliederbestände von Gewerkschaften, Angestelltenverbänden und der SP wuchsen markant an, ab 1917 nahmen Streiks massiv zu und im Okt. 1918 streikten in Zürich erstmals auch die Angestellten.

Der politischen entsprang eine ideologische Radikalisierung, die auf der erfahrbaren Klassengesellschaft basierte und die vor allem eine junge Generation (Jungsozialisten, Altkommunisten) unter Bezug auf die Russische Revolution von 1917 propagandistisch unterstützte. Dagegen lehnten Bürgertum und Bauernschaft die sozialistischen und bolschewistischen Forderungen und Ziele ab, hinter denen sie den Einfluss ausländischer Drahtzieher sahen.

Die Spannungen entluden sich im November 1918 im grossen Landesstreik. Aus ihm ging der sogenannte Bürgerblock (Freisinn, Katholisch-Konservative, Bauern) mit Unterstützung von ländlichen Armeeeinheiten und Bürgerwehren als Sieger hervor.

Quelle: Historisches Lexikon der Schweiz, www.hls.ch / Aufbereitet von schweizinfo.ch /Bildquelle: Wikipedia, Verladen der Bahnpost während des Landesstreiks, Swiss Federal Archives

 

 

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