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Wilhelm II.

Die schweizer Geschichtsschreibung hat den "Graben", der im Ersten Weltkrieg zwischen Deutsch- und Westschweizern aufbrach, ausführlich beschrieben. Ihr Befund beruht hauptsächlich auf der Untersuchung der Presse, aber bis anhin hat keine Studie versucht, den Verlauf und die Verbreitung dieser Spaltung innerhalb der Bevölkerung zu erforschen. Schon vor 1914 hatte ein Teil des deutschsprachigen Bürgertums eine gewisse Faszination für das Reich Wilhelms II. gezeigt.

Der Kaiser war bei seinem Besuch 1912 mit Begeisterung empfangen worden. Die Ratifizierung des Gotthardvertrags durch die eidgenössischen Räte 1913 war der Westschweiz wie eine Konzession gegenüber Deutschland erschienen. Die innere Zerrissenheit während der Kriegszeit gründete auch im sozialen Graben, der durch die Dauer des Konflikts noch verstärkt wurde, sowie in der Opposition der Sozialdemokraten gegenüber der Regierung und der Armeeleitung.

Am 3.8.1914 erteilte die Vereinigte Bundesversammlung dem Bundesrat beinahe einstimmig unbeschränkte Vollmachten, und trotz des Widerstands der welschen Volksvertreter und der Sozialdemokraten wurde der deutschfreundliche Ulrich Wille zum General gewählt. Die Verletzung der belgischen Neutralität durch die deutsche Armee am 4. August machte die Gegensätze offensichtlich: Während die Westschweizer Presse den Einmarsch in Belgien heftig verurteilte, blieben die Deutschweizer Zeitungen - mit Ausnahme der sozialdemokratischen - still oder
versuchten, den deutschen Angriff zu rechtfertigen.

Am 1.10.1914 erachtete es der Bundesrat für notwendig, die Bevölkerung zum nationalen Zusammenhalt aufzurufen. Am 14. Dezember hielt der Schriftsteller Carl Spitteler vor der Gruppe Zürich der Neuen Helvetischen Gesellschaft seine Rede "Unser Schweizer Standpunkt", in welcher er für einen Brückenschlag zwischen der Deutsch- und der Westschweiz eintrat.

Die Zensur der Presse, die der Bundesrat im Sept. 1914 aufgrund seiner Vollmachten erliess und der Armee anvertraute, wurde im Juni 1915 von den welschen und den sozialdemokratischen Nationalräten heftig angegriffen, was die Regierung im Juli 1915 dazu bewog, eine gemischte Kontrollkommission, in der auch Journalisten vertreten waren, mit der politischen Zensur zu betrauen. Im Januar 1916 brach mit der Obersten-Affäre eine schwere Krise auf nationaler Ebene aus. Westschweizer Politiker wie der leitende Redaktor der "Gazette de Lausanne", Edouard Secretan, sowie die Genfer Abgeordneten Frédéric Jules De Rabours und Marcel Guinand spielten in der Veröffentlichung und der Zuspitzung der Affäre eine zentrale Rolle.

Mehrere Protestkundgebungen fanden statt, insbesondere in Genf und in Lausanne, wo am 27. Januar die Reichsfahne vor dem deutschen Konsulat heruntergerissen wurde. Der Freispruch des Militärgerichts für die Obersten Karl Egli und Friedrich Moritz von Wattenwyl - sie erhielten nur eine Disziplinarstrafe - rief in der Westschweizer und der sozialdemokrat. Presse erneut Empörung hervor. Im Tessin, wo die öffentliche Meinung überwiegend auf Seiten der Entente war, rief die vom sehr italophilen Emilio Bossi geleitete "Gazetta ticinese" die Bevölkerung auf, "die Händler aus dem Tempel zu vertreiben", was dem Autor des Artikels eine Verurteilung zu einem Monat Gefängnis eintrug.

Im Juni 1917 liess die Grimm-Hoffmann-Affäre die bestehenden Gegensätze ein weiteres Mal aufscheinen, als sich die welsche Öffentlichkeit lautstark über den Vorsteher des Polititischen Departements empörte. Dank der sofortigen Demission Hoffmanns, der von seinen Kollegen nicht gestützt wurde, nahm die heftige Krise - in Genf kam es zu einer Demonstration von mehr als 15'000 Personen - ein rasches Ende.

Die Wahl des Genfers Ador, Präsident des IKRK und offenen Sympathisanten der Entente, in den Bundesrat, in dem er die Leitung des politischen Departements übernahm, stellte die Westschweizer Bevölkerung zufrieden. Sie kam so zu einem zweiten frankophonen Bundesrat, was wiederum die Regierungen der Alliierten beruhigte.

1914 und 1917 wählten die Stimmbürger ihre Vertreter in die eidgenössichen Räte. Im Oktober 1914 entsandten sie in den Nationalrat 19 Sozialdemokraten, drei Mitglieder der sozialpolititschen Gruppe, 111 Freisinnige, 14 Liberale, 38 Konservative und vier Parteilose; in den Ständerat einen Sozialdemokraten, ein Mitglied der sozialpolitischen Gruppe, 25 Freisinnige, einen Liberalen und 16 Konservative. Drei Jahre später wirkte sich die gespannte wirtschaftlliche und soziale Lage zugunsten eines leichten Gewinns der Linken aus (22 Sozialdemokraten und vier
Mitglieder der sozialpolitischen Gruppe), doch wegen des Majorzsystems wurde sie um mehrere Sitze gebracht.

Die 1913 von den Sozialdemokraten eingereichte Initiative zur Einführung der Proporzwahl für die Bestellung des Nationalrats, die vom Bundesrat eingefroren und von beiden Räten im Juni 1918 verworfen wurde, fand im Oktober 1918 die Zustimmung von Volk und Kantonen, während ein früherer Anlauf 1910 noch gescheitert war (Wahlsysteme).

Was die finanzielle Lage betraf, so bestanden die Einkünfte des Bundes 1914 zu 85% aus Zolleinnahmen. 1916 sank dieser Richtwert auf 52%, 1917 auf 31%, 1918 auf 18%, bevor er 1919 wieder auf 24% anstieg. Es mussten daher neue Einnahmequellen gefunden werden, wobei Bund (912 Mio. CHF.), Kanton und Gemeinden die Anleihe bevorzugten. Ende 1918 erreichte das Staatsdefizit 1,5 Mrd. CHF. (1913 gab der Bund ca. 110 Mio. CHF. aus), der Fehlbetrag der Kantone und der Gemeinden mehr als 0,5 Mrd. CHF. Die Gesamtverschuldung belief sich auf über 5,5 Mrd. CHF.

Neue Steuereinnahmen waren nötig: Im Juni 1915 stimmten die Stimmbürger der Einführung einer Kriegssteuer auf Vermögen und Einkommen und im Mai 1917 der Stempelsteuer zu. Ab 1916 erhob der Bund die Kriegssteuer und nahm damit 1916 56 Mio. CHF, 1917 30 Mio. CHF und 1918 10 Mio. CHF ein.

Die 1917 eingeführte Kriegsgewinnsteuer warf 1917 85 Mio. CHF, 1918 169 Mio. CHF und 1919 191 Mio. CHF ab, die ab 1918 erhobene Stempelsteuer brachte im gleichen Jahr 9 Mio. CHF ein. Das Prinzip einer direkten Bundessteuer lehnten die Schweizer Stimmbürger jedoch im Juni 1918 ab.

Die Sozialdemokraten, die im August 1914 der Erteilung der unbeschränkten Vollmachten an den Bundesrat zugestimmt hatten, organisierten mehrere internationale Konferenzen: im Sept. 1914 in Lugano (mit den Italienern), 1915 in Zimmerwald (Zimmerwalder Bewegung) und 1916 in Kiental (Kientaler Konferenz). Diese Treffen waren ein Versuch, die Einheit der zwischen revolutionärer und gemässigter Ausrichtung gespaltenen
Internationale zu retten.

Der Aarauer Parteitag vom November 1915 desavouierte die Mehrheit der Parteileitung und stimmte den Zimmerwalder Beschlüssen deutlich zu.

Die FDP verlor ihre Wähler in der Arbeiterschaft; von 1917 an musste sie im Zusammenhang mit der Entstehung der Bauernorganisationen auch eine Erosion am rechten Rand ihrer Partei hinnehmen. Nach den Wahlen von 1919, bei denen 41 Vertreter der SP in den
Nationalrat gekommen waren, bildete sich der sog. Bürgerblock (FDP, CVP und BGB).

Quelle: Historisches Lexikon der Schweiz, www.hls.ch / Aufbereitet von schweizinfo.ch / Bildquelle: Wikipedia, Wilhelm II. Der Deutsche Kaiser, König Wilhelm II. v. Preußen (1859-1941, reg. ab 1888), in preußischer Offiziersuniform (Überrock). Der schlichte Überrock mit kleiner Ordensdekoration war die Alltagskleidung des Militärs. Orden: Halsorden: Protektorkreuz des Johanniterordens. Im Knopfloch: ein ausländischer (nichtpreußischer) Orden; könnte italienisch sein.

 

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